Die Rolle des Umfeldes

Für den UK-Nutzer / die UK-Nutzerin ist es oft eine Herausforderung initiativ und deutlich zu kommunizieren. Ein Gespräch zwischen einem sprechenden und einem nicht oder wenig sprechenden Menschen ist fast immer asymmetrisch.

Der sprechende Mensch ist der aktive Part, erwartet vom Gegenüber zu wenig, lässt ihm zu wenig Zeit und ist nicht ausreichend responsiv, geht also zu wenig auf Kommunikationssignale ein.

Der UK-Nutzer / die UK-Nutzerin ist und bleibt in der passiven Rolle und scheint abhängig von anderen Personen.

Ziel der zahlreichen, unterschiedlichen Kommunikationsformen ist es, dieses Ungleichgewicht so gut es geht umzuverteilen. Um als Gesprächspartner / Gesprächspartnerin den kommunikativen Vorgang zu erleichtern oder gar Kommunikation zu provozieren, gibt es viele Partnerstrategien, die das Umfeld einsetzen kann.

Heim und Brinkmann (2018) nennen in ihren Arbeiten zur COPC zehn Vorgehensweisen, wie Kinder in der Nutzung von UK gefördert werden können. Diese Partnerstrategien gelten genauso für Erwachsene, mit erworbener oder angeborener Sprachstörung:

Strukturieren Sie die Umgebung

Wie wir sprechende Menschen wissen, motiviert uns die Umgebung zur Kommunikation, wir sprechen über das Wetter, über Fotos die an der Wand hängen sowie über die gerade ausgeführt Aktivität. Um einem UK Nutzer / einer UK-Nutzer die Möglichkeit zu geben, über die Umgebung zu kommunizieren, ist es natürlich wichtig, die Kommunikationshilfe bzw. die Hilfsmittel auch in unmittelbarer Nähe und für den UK-Nutzer /die UK-Nutzerin erreichbar zu positionieren. Um dann Kommunikation von der untersützt kommunizierenden Person erwarten zu können, kann man als Bezugsperson die Umgebung so gestalten, dass das Gegenüber motiviert ist zu kommunizieren. Hierzu zählen z.B. Bilder/Fotos bzw. Gegenstände aus dem persönlichen Interessengebiet oder motivierende Aktivitäten. Auch der vorhandene Wortschatz z.B. in Form von Bildkarten, Symbolkarten oder in einer elektronischen Kommunikationshilfe sollte zum Kommunikationsanlass passen.

Auf Hinweise der Person achten

Eine weitere Strategie, der man als Kommunikationspartner / Kommunikationspartnerin nachgehen sollte, ist auf Signale, Bedürfnisse, Reaktionen der unterstützt kommunizierenden Person zu achten. Viele Angehörige erwarten dass der der Therapeut / die Thrapeutin der untersützt kommunizierenden Person die alternative Kommunikationsform in der therapeutischen Praxis beizubringt. Jedoch ist dies meistens eine fiktive Situation, die eine erzwungene Kommunikation zwischen dem Therapeuten / der Therapeutin und UK-Person fordert. Hingegen wollen wir als Kommunikationspartner / Kommunikationspartnerin vor allem Gelegenheiten im Alltag dazu nutzen, in die Kommunikation mit der UK-Person zu geraten.

Beobachtet die unterstützt kommunizierende Person eine Zeit lang etwas interessantes so kann das Gegenüber dies als Kommunikationsanlass nutzen und das für die Kommunikation notwendige Vokabular modellieren (Modelling siehe weiter unten).

Gemeinsame Aufmerksamkeit stimulieren

In jeder Kommunikation ist es wichtig, dass sich die Gesprächspartner auf das gleiche Thema fokussieren. Eine Unterhaltung ist nicht zufriedenstellend, wenn ein Teil der beiden nicht „bei der Sache“ ist. Umso wichtiger ist dies bei unterstütz kommunizierenden Personen. Als Kommunikationspartner / Kommunikationspartnerin lassen wir uns nicht ablenken, gehen auf aufkommende Themen ein, auch wenn es gerade nicht in die Situation passt. Für die betroffene Person scheint es wichtig zu sein. Ist die Angelegenheit geklärt, können wir vorsichtig versuchen, das alte Thema wieder aufzunehmen oder ein neues Thema mit gemeinsamer Aufmerksamkeit einzuleiten.

Kommunikative Interaktion ermöglichen

Als Umfeld der unterstützt kommunizierenden Person wollen wir Interaktionen mit einem hohen Kommunikationsanlass durchführen. Das sind vor allem Aktivitäten oder Gesprächsinhalte mit einem wechselseitigen Durchführen/ Kommunizieren von mindestens zwei Personen, eine Maßnahme, in der sowohl Aktion als auch Reaktion erforderlich sind. Kommunikation gelingt nur dann, wenn auf einen kommunikativen Reiz eine Reaktion des Gegenübers folgt, sei es eine verbale Antwort, eine mimische Reaktion (z.B. Lachen) oder eine ausgeführte Handlung.

Eine den Fähigkeiten gerechte Kommunikation erwarten

In einer kommunikationsreichen Aktivität wird z.B. durch Mimik und Gestik deutlich, dass eine kommunikative Beteiligung der unterstützt kommunizierenden Person erwartet wird. Dabei ist es wichtig, nur dann eine Reaktion zu erwarten, wenn das Gegenüber auch kommunikativ oder motorisch zu einer solchen fähig ist, um einer unnötigen Frustration vorzubeugen.

Tempo der Interaktion regulieren

Erworbene Sprachstörungen gehen meist auch mit einer verminderten Sprachverarbeitung bzw. einer verlangsamten Motorik einher. So soll die Aktivität als solche sowie auch die Kommunikation während dem Ausführen der Aktivität an die unterstützt kommunizierende Person angepasst sein. Das bedeutet dem Gegenüber Zeit zu geben, um reagieren, selbst aktiv werden und um ausreden zu können.

Modelling

Die wohl bekannteste Partnerstrategie ist das Modelling, auf Deutsch "Vorbild sein". Wir als Kommunikationspartner / Kommunikationspartnerin zeigen mit diesem „Vormachen“ wie Kommunizieren auf eine alternative Art und Weise funktioniert. Die Schwierigkeit dabei ist, dass wir in zwei unterschiedlichen Blickwinkeln modellieren wollen. Wir nutzen zum einen die Kommunikationshilfe als würden wir selbst damit kommunizieren, also gebärden, drücken oder zeigen das Wort, welches wir verbal verwenden. Zum anderen sind wir der Übersetzer von Kommunikationssignalen der betroffenen Person und "drücken" FÜR sie das Wort, dass wir vermuten hinter dem Signal zu verstehen. So lernt die unterstützt kommunizierende Person je nach Kommunikationsform die Gebärden für Bedürfnisse, die Wirkung einer Taste, den Weg von der Startseite eines Sprachausgabegerätes zum Zielwort, etc.. Sind Fähigkeiten für mehrere Kommunikationsformen vorhanden, setzt diese auch das Vorbild individuell und so zahlreich, wie es die Situation erlaubt, ein. (Näheres zum Thema Modelling erfahren Sie im Blogeintrag "Modelling")

Anpassung der eigenen Sprache an das Niveau der unterstützt kommunizierende Person

Bei Erwachsenen mit erworbener Sprachstörung ist diese Maßnahme wohl eine der schwierigsten. Der betroffene Mensch durchlief eine normale Sprachentwicklung, das Sprachverständnis sowie die Sprachproduktion waren vor dem Ereignis intakt. So möchte man die Person weder unterfordern, indem man mit dem Erwachsenen spricht wie mit einem Kind, noch mit zu komplexen Sätzen überfordern. Indem man aufmerksam das Gegenüber beobachtet, kann der Kommunikationspartner / die Kommunikationspartnerin das Sprachniveau anpassen.

Schrittweises Anregen

Überfordern Sie die unterstützt kommunizierende Person bitte nicht. Jeder, auch Sie als Vorbild, benötigt Zeit um mit der neuen Kommunikationsform vertraut zu werden. Als Menschen ohne Beeinträchtigung haben wir als Kommunikationspartner /Kommunikationspartnerin aber einen großen Vorteil im Erkunden des Kommunikationsmediums. Daher sollten Erwartungen an von Anfang an nicht zu hoch gesetzt werden. Ein schrittweises Anregen der kommunikativen Fähigkeiten bedeuten meist schnelleren Erfolg - und Erfolgserlebnisse motivieren jeden. Hilfestellungen sind erlaubt und erwünscht!

Belohnen von Kommunikationsversuchen

Mit genau diesen oben genannten Erfolgserlebnissen möchten wir jeden Kommunikationsversuch belohnen. Das klingt komplizierter als es ist. Schon alleine das Reagieren auf den kleinsten Kommunikationsversuch wie z.B. eine Blickbewegung, ein Lächeln, eine Zeigegeste oder ein Ansteuerungsversuch am Kommunikationsgerät zeigt der Person, dass ihr Tun eine Wirkung nach sich zieht und motiviert sie mehr die Initiative zu ergreifen.

Die betroffene Personen profitieren von Kommunikationspartner / Kommunikationspartnerinnen, die in ihrem sprachlichen Umgang auf genau diese Strategien Wert legen. Viele davon können im Alltag eingesetzt werden, anderen gebührt ein wenig Aufwand. Nichts desto trotz lohnt sich all der Aufwand, um die unterstützt kommunizierende Person bestmöglich in die UK zu geleiten oder ihre Fähigkeiten weiter zu fördern und auszubauen.

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